Begingen die Alliierten in den Rheinwiesenlagern einen Völkermord an deutschen Soldaten?

By Team GeschichtsCheck, 13. Oktober 2016

Auf einen Blick

  • In den ca. 20 Rheinwiesenlagern wurden 1945 etwa eine Million deutsche Kriegsgefangene interniert
  • Durch Hunger und Krankheiten starben je nach seriöser Schätzung zwischen 4.500 und 15.000 von ihnen
  • Hygiene und Ernährung der Gefangenen entsprachen nicht der Genfer Konvention
  • Von einem Völkermord kann man in Hinblick auf die Gesamtzahlen sowie den historischen Kontext nicht sprechen

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Lesestoff

Wer heute den Rhein in Deutschland entlangwandert, wird nichts mehr davon sehen: In Orten wie Büderich, Andernach, Heidesheim und Böhr-Iggelheim gab es 1945 Kriegsgefangenenlager gigantischen Ausmaßes, die so gut wie keine heute mehr sichtbaren Spuren hinterlassen haben. Diese „Rheinwiesenlager“ sind daher auch weitgehend aus der gesellschaftlichen Erinnerung verschwunden. Das macht es insbesondere Rechtsextremen und Neonazis leicht, dieses Thema für sich zu vereinnahmen und mit verbreitetem Unwissen für ihre Ziele zu arbeiten.

Beispielsweise demonstrierten im Herbst 2012 Neonazis der „Freien Kräfte im Rheinland“ in Remagen unter dem Motto „Eine Million Tote rufen zur Tat!“, um an das Lager nahe der Stadt zu erinnern.1 Auch im Jahr 2015 fand ein solcher Marsch statt, dessen Aufruf mit den Worten „Zeigt in Wort und Tat, dass das bessere Deutschland nicht unter dem Schutt der Zeit verschwunden ist. Zeigt, dass Ihr Teil des besseren Deutschlands seid!“ endete.

Doch was genau waren die Rheinwiesenlager nun, und wie viele Menschen starben dort tatsächlich? Um diese Fragen zu klären, ist ein Blick auf die Militärgeschichte der Westfront des Jahres 1945 erforderlich. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Sommer 1944 war die deutsche Wehrmacht immer weiter zurückgedrängt worden, bis sie schließlich im Frühling 1945 kaum noch Raum für den Rückzug hatte. Binnen kürzester Zeit gingen Millionen deutsche Soldaten in die Kriegsgefangenschaft.2 Diese riesige Zahl an Menschen musste irgendwo untergebracht werden, wo sie nicht Gefahr lief zu flüchten und wieder gegen den Vormarsch der Alliierten zu kämpfen. Große Brach- und Ackerflächen am Westufer des Rheins wurden umzäunt und zu unüberdachten Lagern gemacht. Aus Sicherheitsbedenken mussten die dort Internierten ihre Feldausrüstung vollständig abgeben, konnten also nicht einmal Zelte zum Schutz vor Sonne und Regen aufbauen. So entstanden etwa 20 Rheinwiesenlager3 , in denen katastrophale Zustände herrschten.

Dazu gehörte in erster Linie die mangelhafte Verpflegung mit Lebensmitteln. Nach den Regeln der Genfer Konvention sind Kriegsgefangene, was die Kalorienanzahl angeht, wie Angehörige des eigenen Militärs zu verpflegen4 – angesichts der in ganz Europa grassierenden Nahrungsmittelknappheit, der Versorgung der eigenen Truppen, der Zivilbevölkerung und nicht zuletzt auch der 10,8 Millionen „Displaced Persons“5 setzten die Alliierten ihre Prioritäten allerdings anders.

Doch wie kommen die Neonazis von Remagen nun auf die Zahl von einer Million Toten? Ein solches Ausmaß würde die Bezeichnung als Völkermord sicher rechtfertigen. Sie beruht allerdings auf einer Mischung von Propaganda und fehlinterpretierten Angaben in den Quellen. Tatsächlich ist die Zahl der Toten in den Lagern schwer zu schätzen, weil es schon an zuverlässigen und genauen Zahlen zu den dort Inhaftierten mangelt – um es deutlich zu sagen: Während des Vormarschs auf Berlin und direkt nach der Kapitulation hatten die US-Amerikaner Besseres zu tun, als ordentlich Buch zu führen. Generell geht man allerdings von einer Zahl von etwa einer Million Inhaftierter in den Rheinwiesenlagern aus.6 Die Zahl der Toten ist umso schwieriger zu schätzen und wird meist zwischen 8.000 und 10.000 angegeben, wobei die offiziellen Angaben der Zeit mit 4.537 gemeldeten Todesfällen weit darunter liegen.

Die Zahl der einen Million toter deutscher Kriegsgefangener beruht maßgeblich auf dem Buch „Other Losses“ des kanadischen Publizisten James Bacque.7 Darin behauptet Bacque, dass die Westalliierten planmäßig versucht hätten, dem deutschen Volk die Lebensgrundlage zu entziehen und wirft ihnen schwere Verbrechen gegen sechs Millionen deutsche Kriegsgefangene vor. Das Buch wurde von der akademischen Geschichtswissenschaft äußerst kritisch diskutiert, da es nicht den qualitativen Anspruch an eine wissenschaftliche Untersuchung erfüllt: So behauptet Bacque rundheraus, es habe im Jahr 1945 in Europa keine Nahrungsmittelknappheit gegeben, was sogar fast jeder Zeitzeuge anders in Erinnerung haben dürfte. Zudem stützt sich seine Zahl von 800.000 bis 1.000.000 Toten auf die titelgebende Spalte „Other Losses“ in den offiziellen Lagerstatistiken. Bacque zufolge beziffern diese „Anderen Verluste“ die gestorbenen Kriegsgefangenen. Tatsächlich finden sich an vielen der in dieser Spalte gelisteten Zahlen Fußnoten, die eindeutig belegen, dass die Lagerleitungen damit jene Internierten meinten, die an eine andere Militäreinrichtung überstellt wurden.8.

  1. Barbara Manthe: Alliierte Kriegsgefangenen- und Internierungslager. »Folterlager« in Bad Nenndorf und »Massenvernichtung « in Remagen: Neonazi-Propaganda gegen alliierte Besatzungspolitik, in: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden 2015, S. 245-264, hier: S. 245-246. []
  2. Günter Bischof, Stephen E. Ambrose: Introduction, in: dies. (Hrsg.): Eisenhower and the German POWs. Facts Against Falsehood, Baton Rouge 1992, S. 9: „The numbers of German prisoners taken by U.S. forces shot up from 313,000 to 2.6 million in early April, 1945, then to more than 5 million a month later.“ []
  3. Barbara Manthe: Alliierte Kriegsgefangenen- und Internierungslager. »Folterlager« in Bad Nenndorf und »Massenvernichtung « in Remagen: Neonazi-Propaganda gegen alliierte Besatzungspolitik, in: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden 2015, S. 245-264, hier: S. 247. Die Zahl der Lager wird in fast jeder Publikation anders angegeben. Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. Einige Historiker*innen zählen jedes Lager, egal welcher Größe, das im weiteren Bereich des Rheinufers lag, mit. Andere zählen nur größere Lager, darunter aber auch welche, die – wie etwa Heilbronn – nicht einmal grob in der Nähe des Flusses lagen. []
  4. Deutsches Rotes Kreuz (Hrsg.): Die Genfer Abkommen und ihre Zusatzprotokolle, Berlin 2007, S. 74. []
  5. Udo Wengst: Deutsche Sozialgeschichte der Jahre 1945 bis 1949, in: Martin Löhnig (Hrsg.): Zwischenzeit. Rechtsgeschichte der Besatzungsjahre, Regenstauf 2011, S. 35-48, hier: S. 37. []
  6. Barbara Manthe: Alliierte Kriegsgefangenen- und Internierungslager. »Folterlager« in Bad Nenndorf und »Massenvernichtung « in Remagen: Neonazi-Propaganda gegen alliierte Besatzungspolitik, in: Martin Langebach, Michael Sturm (Hrsg.): Erinnerungsorte der extremen Rechten, Wiesbaden 2015, S. 245-264, hier: 247. []
  7. James Bacque: Other Losses. An investigation into the mass deaths of German prisoners at the hands of the French and Americans after World War II, Toronto 1989. []
  8. Albert E. Cowdrey: A Question of Numbers, in: Günter Bischof, Stephen E. Ambrose: Eisenhower and the German POWs. Facts Against Falsehood, Baton Rouge 1992, S. 78-94, hier: S. 80. []

One Comment

  1. […] oder die Situatione der deutschen Kriegsgefangenen am Ende des 2. Weltkriegs („Rheinwiesenlager„) oder in den letzten Jahren aus den Lehrplänen gestrichen wurden, z.B. die […]

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