War Jesus weiß?

By Team GeschichtsCheck, 10. November 2016

Auf einen Blick

  • Jesus von Nazareth lebte im Vorderen Orient und entsprach wahrscheinlich auch dem Aussehen nach der dortigen Bevölkerung
  • Es gibt keine Quellen über das Aussehen von Jesus
  • Die ersten Darstellungen von Jesus entstanden über 100 Jahre nach seiner Lebzeit in Rom und waren vor allem symbolisch
  • Diese römische Darstellungsweise war die Basis für alle späteren Darstellungen von Jesus als Weißem

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CC-BY-NC-ND GeschichtsCheck

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Lesestoff

Jesus von Nazareth lebte ungefähr von 7 v. Chr. (datiert nach der Herrschaft des jüdischen Königs Herodes des Großen) bis ca. 30 n. Chr. (datiert nach den Angaben der 4 Evangelien zur Zeit des römischen Kaisers Tiberius und des römischen Verwalters von Judäa, Pontius Pilatus). Geboren wurde er den Evangelisten Matthäus und Lukas zufolge in Bethlehem, einem Ort im heutigen Westjordanland. Der Beiname “von Nazareth” leitet sich von dem Ort im nördlichen Teil des heutigen Israel ab, in dem er und seine Eltern nach dem Neuen Testament lebten.1

Jesus und seine Familie stammten also aus dem Vorderen Orient und hatten höchstwahrscheinlich eine eher dunklere Haut- und Haarfarbe. Obwohl Nazareth nicht Teil des damaligen jüdischen Kernlands war, sondern von Galiläa, das als provinzieller galt, war Jesus Jude. Auch wenn das gesamte Gebiet des heutigen Israel um die Zeitenwende bereits zur römischen Provinz Judäa gehörte, war Jesus sowohl seiner Herkunft als auch seiner Kultur und Religion nach kein Römer oder gar Europäer.2

Woher kommt es also, dass Jesus stets weiß dargestellt bzw. als Begründer des christlichen Europa wahrgenommen wird, dessen Kultur jener des Orients bzw. Islam scheinbar entgegensteht? Zunächst einmal war es wohl nie Jesus’ Anliegen, eine neue Religion zu begründen, und dies wird auch im Neuen Testament nirgends so beschrieben. Vielmehr wollte er das Judentum reformieren, näher an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten und eine Distanz schaffen zu den römisch-griechischen, also „europäischen“ Sitten.3 Dass daraus eine neue Religion und ein Wertekanon entstand, der die Gesellschaft Europas seit Jahrhunderten prägt, sagt nichts über Jesus’ Herkunft oder gar Aussehen aus.

Zum anderen gibt es keine Darstellungen von Jesus aus seiner Lebenszeit. Im Judentum herrschte, wie im heutigen Islam, ein meist sehr streng gefasstes Bilderverbot. Dieses sorgte dafür, dass es bis zur Spätantike in den jüdischen Gemeinden keine Darstellungen von Menschen und meist auch Tieren gab, sondern Verzierungen weitgehend auf ornamentale Darstellungen beschränkt waren.4 Zwar gab es bei den Römern und Griechen bereits vielfältige und kunstfertige menschliche Darstellungen. Aber Jesus war zu seinen Lebzeiten für sie schlicht nicht wichtig genug, um von ihnen dargestellt zu werden. Das zeigt sich daran, dass die Quellen zu Jesus außerhalb des Neuen Testaments erst um 100 n. Chr. entstanden. In ihnen – etwa beim jüdisch-römischen Autor Flavius Josephus, im Talmud oder bei den römischen Geschichtsschreibern Tacitus und Sueton – spielt Jesus vor allem als Begründer der neuen Religion des Christentums eine Rolle, deren Anhänger für viel Wirbel in den großen Städten des Reiches sorgten. Biographische Details findet man in diesen Berichten nicht.5

Die frühsten Darstellungen von Jesus entstanden ab dem Ende des 2. Jahrhunderts vor allem in den christlichen Katakomben in Rom – also über 100 Jahre nach seiner Zeit. Mit der Verbreitung der noch jungen Religion nahmen auch die Anzahl und Vielfalt an Jesus-Darstellungen schnell zu. Zu den Wandmalereien kamen Mosaike, Statuetten, Sarkophag-Verzierungen usw. Da sich aber im Neuen Testament an keiner Stelle eine Beschreibung von Jesus findet, stellen die Bilder einen typischen Mann ihrer Zeit dar: Haar- oder Hautfarbe wurden kaum unterschiedlich dargestellt. Auch Kleidung und Haltung sind meist eher symbolisch und entsprechen beispielsweise einem Hirten, einem Philosophen und später einem römisch-byzantinischem Herrscher – aber nie einem Orientalen.6

Nach dem Ende des Weströmischen und später des Byzantinischen Reiches spielte der orientalische Ursprung von Jesus immer weniger eine Rolle. Mit der zunehmenden kulturellen und religiösen Distanz zu Judentum und Islam war er in der Wahrnehmung der europäischen Christen ein Europäer bzw. der religiös-moralische Ursprung des damaligen Europas. Zwar änderten sich die Symboliken und Darstellungsweisen Jesu im Laufe des Mittelalters und der Renaissance, seine weiße Hautfarbe und seine Zugehörigkeit zu Europa blieben aber erhalten.7 Noch im Jahr 1989 rief es Empörung hervor, dass Jesus in Madonnas Video zu „Like a Prayer“ von einem afroamerikanischen Schauspieler verkörpert wurde.

  1. Elberfelder Bibel, Taschenbuchausgabe, 4. Aufl. Witten 2013. []
  2. Ernst Baltrusch: Die Juden und das Römische Reich, Darmstadt 2002. Paul Schäfer: Geschichte der Juden in der Antike. Die Juden Palästinas von Alexander dem Großen bis zur arabischen Eroberung, Stuttgart 2012. []
  3. Werner Dahlheim: Die Welt zur Zeit Jesu. München 2013; Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, 7. Aufl. Stuttgart 2011. []
  4. Steven Fine: Art and Judaism in the Greco-Roman world. Toward a new Jewish archaeology, Cambridge 2010. []
  5. Annette Merz, Gerd Theißen: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. 4. Aufl. Göttingen 2011. []
  6. Wolfgang Kemp: Christliche Kunst. Ihre Anfänge – Ihre Strukturen, München 1994; Guntram Koch: Frühchristliche Kunst. Eine Einführung, Kohlhammer 1995; Alice Landskron: Parther und Sasaniden. Das Bild der Orientalen in der römischen Kaiserzeit (Wiener Forschungen zur Archäologie), Wien 2005. []
  7. Helmut Fischer: Von Jesus zur Christusikone, Petersberg 2005. []