Welche Bedeutung hat der Begriff „Völkisch“?

By Team GeschichtsCheck, 18. Oktober 2016

Auf einen Blick

  • Der Begriff wurde bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum genutzt
  • Er steht für eine Bewegung aus unterschiedlichen Gruppen, die gemeinsam eine „Befreiung“ der „deutschen Rasse“ forderten
  • Die völkische Ideologie war radikalnationalistisch, antisemitisch und rassistisch
  • Auch die NSDAP vertrat eine völkische Ideologie

Im Bild:

voelkisch

CC-BY-NC-ND GeschichtsCheck

Lesestoff

Ein unbekanntes Wort

Das Wort „völkisch“ wurde bis ins 19. Jahrhundert kaum genutzt. Wenn es verwendet wurde, konnte es so ziemlich alles bedeuten, was mit „Volk“ zu tun hatte; also zum Beispiel das „gemeine Volk“ für eine Gruppe von nicht privilegierten Menschen, oder das „Volk“ von Menschen, die aus einem geografischen Raum kommen und eine gleiche Sprache haben. Der Begriff „völkisch“ wurde zwischen 1875, als der Germanist Hermann von Pfister ihn als Ersatzwort für „national“ vorschlug1, und 1935, als der Große Brockhaus ihn als „Verdeutschung des Wortes ‚National‘, im Sinne eines auf dem Rassegedanken begründeten und daher entschieden antisemitischen Nationalismus“2 definierte, so aufgeladen, dass er sich zum Schlagwort für eine radikalnationalistische, antisemitische und rassistische Weltanschauung entwickelte. Heute definiert der Duden ihn so:

1. (nationalsozialistisch) (in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus) ein Volk als vermeintliche Rasse betreffend; zum Volk als vermeintliche Rasse gehörend3
2. (veraltet) national4

Gemeinsame Ziele

Die unterschiedlichen Gruppen, die sich auch selbst als „völkisch“ verstanden, kamen nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 auf. All diese Gruppen fasst die geschichtswissenschaftliche Forschung unter dem Begriff „völkische Bewegung“ zusammen. Dabei verfolgten sie durchaus unterschiedliche Ziele: Der Alldeutsche Verband setzte sich für eine imperialistische Kolonialpolitik und weiteres Flottenrüsten ein, während zum Beispiel „völkische“ Frauenvereine vor dem Ersten Weltkrieg gegen Alkoholkonsum und Prostitution kämpften.5 Gemein ist aber allen Gruppen, die sich der „völkischen Bewegung“ zuordnen lassen, „der Glaube an eine alldeutsch […] begründete Eigenart, die Auserwähltheit und Mission des deutschen Volkes – die rassische, insbesondere antisemitische und antislavistische Begründung dieser Überzeugungen – die Gegenwartskritik, zumeist als Kritik an den zeitgenössisch bekannten Symptomen der ‚Modernisierung’ (Industrialisierung, Urbanisierung, ‚Rationalisierung’ der Lebenszusammenhänge)“6. So schlossen viele völkische Vereine Juden von einer Mitgliedschaft von vornherein aus7, weil sie angeblich die „national-christliche Idee“8 bedrohten. Und auch nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich an der Weltanschauung der „Völkischen“ nichts Entscheidendes:

In Industrialisierung, Urbanismus, Massengesellschaft, Demokratie, Parlamentarismus, Liberalismus, Individualismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, Pazifismus, Kosmopolitismus etc. und in allem Internationalen (von der Frauenbewegung bis zum Völkerbund) sahen die Völkischen Zeichen für gefährliche Fehlentwicklungen der Gegenwart, die sie in bizarren Untergangsszenarien grell ausmalten. Dafür sowie für die Kriegsniederlage und den Versailler Friedensvertrag wurden andere, in der Rassenhierarchie niedriger stehende und deswegen umso gefährlichere vermeintliche Rassen als Schuldige verantwortlich gemacht: allen voran Romanen, Slawen und die zur Gegenrasse konstruierten Juden.9

Die NSDAP und die „völkische Bewegung“

Die NSDAP wurde zu Anfang auch von der „völkischen Bewegung“ geprägt. Einige ursprüngliche Gründungsmitglieder der Partei zählten zu ihrem Umfeld, auch einige spätere Parteimitglieder hatten sich zunächst den „Völkischen“ zugewandt.10 Weil die “völkische Bewegung” in der Weimarer Republik sehr zersplittert und zum Teil auch zerstritten war, gab es kaum eine Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen. Mitte der 1920er Jahre verbanden immer mehr Menschen im In- und Ausland das Wort mit der NSDAP und vor allem Adolf Hitler, unter anderem durch die Parteizeitung “Völkischer Beobachter”. Die “Völkische Bewegung” hingegen wurde immer weniger beachtet. Viele junge Menschen, die sich der Bewegung angeschlossen hatten, wechselten zur NSDAP, während die Älteren mehr Distanz wahrten. In der NS-Diktatur spielten nur wenige der „Völkischen“ eine Rolle, viele zogen sich ins Private zurück. Ideologisch aber glichen sich die „völkische Bewegung“ und die NSDAP in ihrem radikalen Nationalismus, ihrem Antisemitismus, ihrem Antislawismus und ihrem Rassismus.

  1. Vgl. Jörn Retterath: “Was ist das Volk?” Volks- und Gemeinschaftskonzepte der politischen Mitte in Deutschland 1917-1924, Berlin/Boston 2016, S. 39f, GoogleBooks [18.10.2016] u. Günter Hartung: Völkische Ideologie in: Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht: Handbuch zur “Völkischen Bewegung” 1871-1918, München, New Providence, London, Paris 1996, S. 22-44, hier S. 23. []
  2. Zit. nachGünter Hartung: Völkische Ideologie in: Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht: Handbuch zur “Völkischen Bewegung” 1871-1918, München, New Providence, London, Paris 1996, S. 22-44, hier S. 24. []
  3. http://www.duden.de/rechtschreibung/voelkisch#Bedeutung1 []
  4. http://www.duden.de/rechtschreibung/voelkisch#Bedeutung2 []
  5. Vgl. Karin Bruns: Völkische und deutschnationale Frauenvereine, in: Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur “Völkischen Bewegung” 1871-1918, München u.a. 1996, S. 376-396, hier S. 381. []
  6. Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht: Vorwort, in: Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur “Völkischen Bewegung” 1871-1918, München u.a. 1996, S. IX-XXIII, hier S. XXIf. []
  7. Werner Bergmann: Völkischer Antisemitismus im Kaiserreich, in: Uwe Puschner/Walter Schmitz/Justus H. Ulbricht: Handbuch zur “Völkischen Bewegung” 1871-1918, München u.a. 1996, S. 449-464, hier S. 460. []
  8. Zit. nach Norbert Kampe: Studenten und „Judenfrage“ im Deutschen Reich, Göttingen 1988, S. 147f. []
  9. Uwe Puschner: Die Völkische Bewegung, http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/230022/die-voelkische-bewegung, 7.7.2016 [17.10.2016]. []
  10. Vgl. Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik, Darmstadt 2008, S. 239. []